Einen sehr informativen und kurzweiligen Vormittag erlebten letzte Woche die Schüler im dritten Ausbildungsjahr der Krankenpflegeschule des IAFW Mainburg: Richard Dietz von der Selbsthilfegruppe Multiple Sklerose Kelheim (Link: Landratsamt Kelheim: Übersicht Selbsthilfegruppen) war zusammen mit seiner Ehefrau, einer gelernten Krankenschwester, zum Unterrichtsgespräch gekommen. Auf sehr witzige und humorvolle  Weise brachte  Dietz den Schülern nicht nur das Krankheitsbild, sondern auch die Individualität und pflegerischen Schwerpunkte näher.

 

Multiple Sklerose

Multiple Sklerose ist die häufigste und eine degenerative Erkrankung des Nervensystems, an der ca. 120 000 Menschen in Deutschland erkrankt sind. Bisher ungeklärte Ursachen führen zu einer herdförmigen Entzündung mit Zerstörung der Markscheiden im Gehirn, was zu diesen Symptomen führen kann: Augensymptome wie Sehnervenentzündung mit kurzzeitiger Erblindung, Sensibilitätsstörungen, Lähmungen, Spastik, Müdigkeit (Fatique), Schluckprobleme, Gesichtsschmerzen, psychische Störungen und Blasen- Darm- Störungen.  Der Verlauf ist bei den Betroffenen sehr unterschiedlich, es gibt schubförmige und primär und sekundär progrediente Verläufe.  Die Lebenserwartung der MS- Betroffenen sei mittlerweile kaum geringer als bei allen Menschen, so Dietz. Das läge an den besseren und früheren Diagnoseverfahren und der entsprechend schnell eingeleiteten medikamentösen Therapie. Jedoch seien mehr als zehn Prozent der Betroffenen auf den Rollstuhl angewiesen, viele können nach Jahren mit der Krankheit auch kaum mehr ihre Finger und Arme bewegen.

 

Hilfsmittel

Deshalb sind gute Hilfsmittel sehr wichtig, welche allerdings meistens die Krankenkassen bezahlen, z.B. ein Gelkissen für den Rollstuhl, um Druckschäden zu vermeiden, oder ein Stehbrett, um möglichst selbständig öfter am Tag in den Stand zu kommen. Die sogenannte „Kühlweste“ zahle die Krankenkasse allerdings nicht. Die sei aber sehr sinnvoll, da MS- Betroffene bei Hitze mit dieser viel besser zurechtkämen. „Ich werde mich aber dafür einsetzen, dass solche Dinge in Zukunft von den Kassen übernommen werden, das ist ja meine Aufgabe als Selbsthilfegruppen- Leiter. Da muss man mit dem Verband reden, die sorgen dann schon für Unterstützung.“ Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft hilft auch Nichtmitgliedern bei Fragen über Pflegegeld oder Hilfsmittel und unterstützt Betroffene und deren Angehörige.

 

Erfahrungen

Weiter berichtete Dietz von seiner Tätigkeit als Gemeinderat und Vertreter am „Runden Tisch“ des Landkreises Kelheim, wo er sich für alle Belange der Behinderten einsetzt. So erzählte er schmunzelnd, dass 6. Klässler bei einer Rollstuhl- Ralley, bei der sie die Barrierefreiheit in der Stadt erkunden sollten, feststellten, dass der Beichtstuhl in keiner Kirche mit dem „Rolli“ zu erreichen sei! „Hab ich ein Glück, oder?“ Allerdings bemängelte er, dass auch viele Praxen und Geschäfte nicht mit Rampen ausgerüstet seien  (die verschandeln das Ortsbild, soll ein Stadtplaner einmal gesagt haben) und selbst nach  Ortssanierungen nicht immer ein barrierefreies Ortsbild entstehe.

Als Fachklinik nannte er die Marianne- Strauß- Klinik in Kempfenhausen am Starnberger See, in der nur Multiple Sklerose- Erkrankte behandelt werden. Dort arbeiten sehr erfahrene Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten und man findet Gleichgesinnte, mit denen man das Schicksal teilt- wie auch in den Selbsthilfegruppen, die es neben Kelheim noch  in Abensberg und Neustadt gibt.

 

Apell

Sein Appell an die angehenden Gesundheits- und Krankenpflegekräfte: „Bitte kein Mitleid! Und jeden Patienten so behandeln, wie er es gewohnt ist und nur unterstützen, wo er es wirklich braucht.“ Als Rollstuhlfahrer erlebe man auch lustige Geschichten, so hätte er einmal in der Fußgängerzone einen Euro geschenkt bekommen. Und seine Enkel seien  mit dem „elektrischen Stuhl“ als Spielzeug gut  beschäftigt. „Da lag  der Opa schon fast einmal kopfüber im Stuhl“, erzählt Evelyn Dietz. Allerdings gäbe es auch immer wieder Entsetzen bei den Gruppenmitgliedern über Geschichten wie dieser: Ein Hotelgast klagte, weil er sich beim Essen gestört fühlte, als am Nebentisch einem „MS-ler“ das Essen eingegeben wurde- und bekam Recht! „Dem Richter wünschen wir natürlich nix Gutes..!“ 

Zum Schluss wünschte er sich „einfach einen normalen Umgang mit den Behinderten, die Behinderten- Parkplätze nicht zuparken, die Behinderten- Toiletten nicht als Vorratskammer nutzen und sich fragen trauen, ob jemand Hilfe braucht oder einfach einmal  hinlangen- den Rollstuhlfahrern in die Augen schauen!“